Robert Enke war ganz sicher ein wunderbarer Mensch. Natürlich habe ich ihn nie getroffen, aber alle Berichte betonen, wie sensibel, engagiert und intelligent der Torhüter war. Die Beschreibungen sind mehr als reine Höflichkeit und Anstand gegenüber einem Verstorbenen. Enke hat viele Menschen beeindruckt.
Sein Tod hat Unzählige schockiert und berührt. Jetzt wird der Nationaltorhüter wie ein Nationalheld gefeiert. Es ist gut, dass die Menschen sich in diesen Tagen auf das Wesentliche besinnen. Es ist gut, dass sie gemeinsam trauern können.
Doch ein Held ist immer auch ein Vorbild. Das Leben und Wirken von Enke kann Vorbild sein, sein Tod keinesfalls. Warum schreibt das niemand? Warum werden kaum Fragen gestellt?
In ihrem letzten Absatz weisen die unzähligen Artikel über Enke dann noch auf die Volkskrankheit Depression hin und mahnen einen offenen Umgang mit dieser Erkrankung an.
Doch da ist jemand gegangen, der nie über seine psychischen Probleme gesprochen hat und nach außen immer stark schien. Jemand der seine Schwächen verborgen hat und einen grausamen Tod gewählt hat: eine Aggression gegen den eigenen Körper, gegen das Dasein.
Würden die Fußballfans ihn bewundern, wenn er seine Schwächen offenbart hätte? Könnte er dann für die breite Masse als Nationalheld taugen?
Das weiss niemand. Aber jetzt ist die Chance auch so etwas zu diskutieren. Warum gilt nur als männlich, wer stark, ehrgeizig, erfolgreich und auch jung ist?
Nachdem der Profi-Fußballer Sebastian Deisler seine Depressionserkrankung öffentlich bekannt hat, nannte man ihn „die Deislerin“. Kein Bericht stellt Deisler als Helden dar. Ein Interview mit ihm ist kommentiert: Schließlich seien seine Aussagen für Gesunde kaum nachvollziehbar. Außerdem ist ganz nebenbei auch das Bäuchlein erwähnt, welches der ehemalige Leistungssportler angesetzt hat. Nein, niemand stellt Deisler als Helden dar.
Obwohl alle zugeben: Es ist mutig, diese Krankheit öffentlich zu machen. Doch es ist genauso richtig, dies nicht zu tun. Wer würde schon jemanden einstellen, lieben, bewundern, wenn er eine derart komplexe und mindestens langwierige Krankheit hat?
Nach dem Schienensuizid des Unternehmers Merckle haben die Medien behutsam auf die Auswirkungen für Familie und Zugführer hingewiesen. Jetzt – nachdem Enke auf die selbe Weise starb – wagen nur anonyme Kommentatoren anzudeuten, was der Suizid für Beobachter und Begleiter bedeutet.
Es ist richtig, dass Enkes Ehefrau respektvoll behandelt und als unfassbar stark bewundert wird. Aber warum fragt niemand, wie respektlos oder zumindest tragisch es ist, die aufopferungsvolle Partnerin nach so vielen schweren Jahren allein zu lassen? Niemand fragt, was es für eine Tochter bedeutet, von einem Vater zu hören, der auf diese Weise aus dem Leben schied. Niemand fragt, wie Freunde und Eltern mit dieser Last leben. Niemand spricht über Schuldgefühle, die belasten.
Diese Fragen müssen neben dem Respekt gegenüber Enke ihren Platz haben. Ansonsten entsteht ein fatales Vorbild.
Die Presse berichtet eigentlich nicht über Selbsttötungen, da erwiesen ist, dass die tragischen Taten Nachahmer animieren. Die Öffentlichkeit erfährt nur von prominenten Opfern der Depressionserkrankung.
Robert Enke war ein ganz besonderer Mensch, aber ich bewundere Sebastian Deisler. Er kämpft. Seit Jahren versucht er seinen Platz in dieser Welt zu finden. Er gibt nicht auf, obwohl er Familie und Sport verloren hat. Er weiss, was er falsch gemacht hat und hatte den Mut sein Scheitern einzugestehen. Jetzt kann er einen wirklich neuen Weg gehen.